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Ein Eingang zu einem kleinen Haus, davor zwei Frauen und ein Junge.Foto Bundesarchiv Bildarchiv: Fröhliche junge Frauen mit Kopftüchern und junge Männer mit Schiebermützen beim Karten-spiel.Eine junge Frau in weißer Schürze serviert an einem Kaffeetisch mit zwei Gedecken.Der Arc de Triom,phe in paris, rings herum ein Bus und ein paar Autos aus den 40er Jahren.Auf spiegelblanker Fläche vor einer üppig barock-floral gemusterten Tapete glänzen ein Samowar, eine blaugoldene Lackkanne mit drei Gläsern und eine Vase mit künstli-chen Blumen.Großmutter Oleksandra mit dem blondge-lockten fünfjährigen Enkel auf dem Schoß.

1922 - 1941

Als ich klein war, gehörten die Ukraine und Russland noch zusammen. Als ich noch ganz klein war, gab es noch keine Kolchosen. Wir hatten ein großes Grundstück. Es war nicht so weit von Moskau entfernt. Alle Bauern hatten große Grundstücke, zwischen 5 und 3 ha. Mein Vater war ein selbstständiger Bauer. Er war kein sehr reicher, aber ein sehr guter Bauer. Wir waren nicht sehr reich, aber auch nicht sehr arm. 1932 ist meine Mutter gestorben und mein Vater blieb mit fünf Kindern allein. Ich musste auf dem Feld und bei der Gartenarbeit sehr viel mithelfen. Mein Vater heiratete ein zweites Mal. Meine Stiefmutter hatte eigene Kinder und interessierte sich nicht für die Kinder ihres Mannes.
1937 oder 1938 kam mein Vater ins Gefängnis. Er wollte nicht in der Kolchose arbeiten. - Es wurde uns alles genommen, unser Land, unsere Kühe, unser Haus und alles, was wir hatten. Wir hatten nichts mehr zu essen. Und meine Mama war schon tot.
Mein Vater war als „Volksfeind“ gesucht worden und hatte Unterschlupf bei Bekannten in einem Ort nicht weit von Moskau gefunden. Dort arbeitete er in einer Garten – Sowchose. Früher hatte das Land einer reichen russischen Familie gehört. Wir Kinder waren bei der Stiefmutter geblieben. Eines Nachts kam er in unser Dorf zurück, um uns heimlich abzuholen. Meine Stiefmutter hat dann auch in der Garten – Sowchose gearbeitet, und ich habe auf die Kinder aufgepasst. Ich bin auch zur Schule gegangen. Dort habe ich deutsch gelernt. Ungefähr zwei Jahre hat mein Vater in der Sowchose gearbeitet.
1937 haben ihn Kameraden von unserem alten Dorf gefunden und verraten. Der Vater brachte mich morgens zur Schule und als ich nach Hause kam, war er nicht mehr da. Er wurde als "Volksfeind" verurteilt zu 10 Jahren Gefängnis. Damit war meine Schulzeit zu Ende. Meine Stiefmutter sagte: „Ich kann dich nicht weiter in die Schule schicken.“
Meine Geschwister sind dann verteilt worden auf verschiedene Verwandte. Ich bin zu meiner älteren Schwester nach Donezk gekommen. Sie war verheiratet, ihr Mann hat in der Kohlengrube gearbeitet. Meine Schwester lebt noch, sie ist fast 100 Jahre alt. In Donezk haben wir russisch und ukrainisch gesprochen. Heute sprechen wir manchmal ukrainisch, manchmal russisch, je nachdem, mit wem man spricht. In der Schule wird ukrainisch unterrichtet, manchmal auch russisch. Der kleine Aljoscha spricht ukrainisch (lacht). Bei meiner Schwester in Donezk blieb ich bis zum Anfang des Krieges. Von dort kam ich nach Deutschland. Damals war ich 19 Jahre alt.