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Erinnerungsfoto der ersten Besuchsgruppe vor dem Panorama des Kölner Doms. Luftwaffen- und Marineattaché Klychko begrüßt die ehemaligen Zwangsarbeiterin-nen beim Empfang des LVR. Die Besuchsgruppe begleitet Lidia T. auf dem Weg zu ihrer ehemaligen Baracke.Auf dem Foto steht Lidiy T. vor der Bahn-unterführung.Alina S. auf der Straße mit einigen aus der Besuchsgruppe .Zu sehen ist die symbolische Begräbnis-szene, zu der viele Klinikangehörige ge-kommen sind.Noch einmal das Begräbnis, nun mit Lidia T. im Vordergrund. Zu sehen ist die Geburtsurkunde.Die Besuchsgruppe versammelt sich im Rheinischen Landesmuseum Bonn um eine der Statuen „Wir Rheinländer“.

Das erste Besuchsprogramm des LVR 2006

Das erste Besuchsprogramm, das der LVR 2006 ausrichtete, wandte sich nach allen Vorbereitungen an drei Zeitzeuginnen, die sich in der Lage sahen, zu kommen: Alina S.,  begleitet von ihrer jüngeren Tochter, Ljubov T. als Vertretung ihrer Mutter und in Begleitung ihres Mannes und Lydia T., zusammen mit ihrer Schwiegertochter. Die ganze Gruppe wird begleitet von einem Mitarbeiter der Ukrainischen Stiftung zur Nationalen Versöhnung und besucht Köln und Wuppertal in der Woche vom 21. bis 27. März 2006.

Aus dem Bericht über dieses erste Besuchsprogramm, im Folgenden einige Auszüge:

21.03.2006
Köln. Ein langer Weg liegt hinter ihnen: Der Landschaftsverband Rheinland (LVR) empfing in Köln ehemalige Zwangsarbeiterinnen aus der Ukraine. Die Frauen waren Patientinnen in der damaligen Landesfrauenklinik Wuppertal-Elberfeld, heute Kliniken St. Antonius, die sich bis 1984 in Trägerschaft des Provinzialverbandes Rheinland befand. Der LVR ist Rechtsnachfolger des Provinzialverbandes.
Begrüßt wurden die Ehrengäste vom Vorsitzenden der Landschaftsversammlung Rheinland, Dr. Jürgen Wilhelm, und dem Direktor des LVR, Udo Molsberger. Anatolij Ilnitzkij, kommissarischer Leiter des ukrainischen Konsulates in Bonn, und Volodymyr Klychko, Luftwaffen- und Marineattaché der Ukraine, ließen es sich nicht nehmen, ebenfalls zur Begrüßung zu erscheinen. Nach dem Empfang trugen sich die Frauen in das Gästebuch des LVR ein.
Für Alina S. war es ein besonderer Tag in doppelter Hinsicht: Sie beging just am Tage des Empfangs ihren 79. Geburtstag. So konnte dieser in gebührendem Rahmen gefeiert werden.
Als sie alle erwartungsvoll im Landeshaus auf den Einlass zum offiziellen Mittagessen warteten, sah man ihnen die Spannung an: wie würden ihnen hohe Repräsentanten dieses Landes begegnen, an das sie so wenig gute Erinnerungen hatten?

Der Empfang auf dem Flughafen, die ersten Schritte auf deutschen Boden waren zögerlich gewesen, aber schon beim ersten Abendessen begann die Atmosphäre aufzutauen. Die Vorstellung des Programms hatte bei den Organisatoren zu besorgten Fragen geführt. Ob nicht doch lieber etwas gestrichen werden sollte? - Vor allem die beiden Ältesten lächelten. Streichen? Dazu seien sie nicht nach Deutschland gekommen. Sie wollten möglichst viel sehen. Das Programm „sei gut“ und sie wollten nichts davon versäumen. Ausruhen?  – Dazu habe man zu Hause wieder Zeit. „Unsere Generation hat so viel erlebt, da werden wir doch jetzt nicht kneifen…“

22. 03.2006
Der nächste Tag, das war allen klar, würde vor allem unsere beiden Ältesten großen Erinnerungsbelastungen aussetzen, am folgenden Tag womöglich noch gefolgt von einer Steigerung. Am Mittwoch sollte der Bus uns nach Wuppertal bringen, zuerst ins Rathaus, wo Oberbürgermeister Jung die Gäste erwartete. Nach dem Mittagessen im Rathaus der Stadt stand zwar eine Fahrt mit der Schwebebahn auf dem Plan, aber vor allem wollten wir uns auf die Suche nach dem Arbeitseinsatzort „Espenlaub“ machen, der Firma für Flugzeugbau und –reparatur, wo die älteste unserer Frauen, heute 84 Jahre alt, mit 20 Jahren in einem Tunnel zum Reinigen von Flugzeugteilen eingesetzt gewesen war. Wir wollten uns auf die Suche machen nach der Baracke, in die sie nach der Geburt ihres Kindes verlegt worden war, eine spezielle Baracke für Mütter und Kinder. Sie hatte uns bereits erzählt, dass ihr Kind dort vor ihren Augen gestorben war, ohne dass sie etwas hätte tun können. Es sei gleich hinter der Baracke verscharrt worden, „wie einige andere auch“. Alina S. ging es nicht gut. Ihre Tochter stellte erhöhten Blutdruck fest, aber an Zurückbleiben wollte Alina S. nicht denken.
Nach einem Empfang beim Oberbürgermeister von Wuppertal ging es weiter in die ehemalige Landesfrauenklinik.
Dort wurde vorsichtshalber eine kleine Untersuchung für alle drei Frauen angeordnet. Es ergaben sich bedenkliche Werte. Unser mitreisender Arzt empfahl eine Ruhepause. Das hatte die Schwebebahnfahrt zu leisten. 

An der Endstation las uns der Bus auf und brachte uns ins Industriegebiet. Klaus Brausch, SPD-Fraktionsgeschäftsführer in der Landschaftsversammlung und seit über 40 Jahren Wuppertaler Bürger, geleitete uns zielsicher an den gesuchten Ort. Heute eine Kleingartensiedlung, standen hier noch bis lange nach Kriegsende die ehemaligen Zwangsarbeiterbaracken, alte Wuppertaler erinnern sich gut daran. Vom Bus zu gucken, reichte Lydia T. nicht, sie musste aussteigen.

Man sah ihr an, dass die Erinnerung in ihr arbeitete. Festen Schrittes ging sie voran, berichtete von ihren Erinnerungen und suchte sie mit der Situation in Übereinstimmung zu bringen, die sie vorfand.

Sie ahnte, wonach sie suchte. Eine Straße, eine Überführung – und plötzlich erkannte sie die Stelle wieder. Dort hatten die Baracken gestanden und hier, unter der Unterführung, hatte sie Schutz gesucht bei Bombenangriffen, denn Luftschutzkeller gab es für Zwangsarbeiterinnen nicht. Hier hatte sie sich mit ihrer Freundin untergestellt, die ebenfalls mit ihrem kleinen Kind in der „Mütterbaracke“ war, und deren Tochter nun mit uns reiste.

Die Jahre von 1943, als sie kaum zwanzigjährig aus ihrer Heimatstadt abtransportiert wurde, bis 1945, als sie nach Kriegsende ohne ihr Kind zurückkehren musste, waren wieder bei ihr angekommen. Sie erzählte uns. Ihre Schwiegertochter sah sie besorgt von der Seite an. Blass und klein, aber kerzengerade saß Lydia T. in ihrem Bussessel. Herr Brausch erzählte uns, was er über die Veränderung dieses Industriegebietes wusste.

Weiter ging es zur Ronsdorferstraße, wo Alina S. als 15-jähriges Mädchen nach der Geburt ihrer Tochter untergebracht worden war.

Zuvor hatte sie in einer Seifensiederei in Düsseldorf arbeiten müssen. An die Arbeit erinnert sie sich trotz ihrer geschwächten Gesundheit genau.

23. 03.2006
Pünktlich ging es am nächsten Morgen erneut nach Wuppertal. Auf dem Programm stand  die ehemalige Landesfrauenklinik, heute Frauenklinik der Kliniken St. Antonius und die ehemalige Provinzial-Hebammenlehranstalt, heute Hebammenschule in der Akademie für Gesundheitsberufe. Man erwartete unsere Gäste auch hier mit großer Herzlichkeit und Wärme. Der Chefarzt Dr. Falbrede, die Geschäftsführer Herr Kaufmann und Herr Breuckmann und die Leiterin der Hebammenschule, Frau Alef, begrüßten die Frauen. 

Nach einem Rundgang durch eine Geburtstation wurden alle aufgefordert, nach draußen zu gehen. Vor der Klinik war eine Grube gegraben, daneben lag ein zum Setzen vorbereitetes Bäumchen und ein verhüllter Stein. Dieser Baum sollte gepflanzt werden zum Gedenken an den unter den Bedingungen der Zwangsarbeit seiner Mutter gestorbenen Säugling und an alle Kinder, die unter diesen Umständen ums Leben kamen. 

Es entstand eine ergreifende Zeremonie zum Andenken an alle diese Kinder. Die Mutter hatte Erde aus der ukrainischen Heimat mitgebracht, die sie dem Bäumchen an die Wurzeln gab und sie nahm Erde aus Wuppertal in ihrem Taschentuch mit.

Am Nachmittag hatten Hebammenschülerinnen Gelegenheit, den Zeitzeuginnen Fragen zu stellen. Es wurde schmerzlich spürbar, wie wenig vorstellbar für die heute junge Generation die Zustände im Krieg sind. Es wurde ihnen selbst deutlich, wie wenig sie aus dieser Zeit begreifen können. Unsere Gäste schilderten, was sie erlebt hatten.

24.03.2006
Ein Besuch im Archiv des LVR erklärte, wo die Recherchen für dieses Besuchsprogramm begonnen hatten. Die Geburtsurkunden, die in den Nachkriegszeiten verloren gingen oder vernichtet wurden, konnten erneut ausgestellt werden und erhielten den Beglaubigungsstempel. 

25.03.2006
Der folgende Tag sollte etwas Erholung bieten. Nach einigen Einkäufen ging es nach dem Mittagessen los zu einer Rheintour.

26.03.2006
Am Sonntag war Wahltag in der Ukraine, einige wollten deshalb in das Konsulat nach Remagen zum Wählen. Das liess sich leicht einrichten, denn für den Vormittag war eine Führung im Rheinischen Landesmuseum vorgesehen.

Unsere Gäste scharten sich um Agrippina und befanden, sie gehörten eigentlich auch als Rheinländerinnen ins Museum aufgenommen.

Nach Rückkehr aus dem Süden war Packen angesagt. Kopfzerbrechen machten die gut gemeinten großen Verbandskartons aus der Wuppertaler Klinik – wie sie nach Kiew schaffen? Doch bis zum Abschiedsessen am letzten Abend konnte alles geregelt werden. Eine Waage bestätigte, dass das Übergepäck sich in verhandelbaren Grenzen hielt.

Ein feierliches Abendessen bildete den Abschluss des Besuchs- und Begegnungsprogramms.  Wir waren uns nahe gekommen, Freunde geworden. Unsere Gäste sagten, sie fühlten sich aufgenommen wie Familienangehörige. Unser Umgang war selbstverständlich geworden. Eine Woche hatten wir Leid und Freude miteinander geteilt. Wir lernten uns besser kennen und erfuhren gegenseitig mehr über unsere Länder. Wir hörten, wie wichtig es in der Ukraine ist, über die Deportationen und die Zwangsarbeit im NS-Deutschland zu sprechen, öffentlich. Wir bedauerten, dass die anderen Frauen nicht kommen konnten und schmiedeten Pläne. 

27.03.2006
Der Zeitpunkt des endgültigen Abschieds rückte heran. Ein Grund, traurig zu sein -  aber die Freude, wieder in die vertraute Heimat zu kommen, liess sich auch erkennen. Wir waren dankbar, dass wir diese außergewöhnlichen Frauen kennenlernen durften.  Und froh, dass alles reibungslos geklappt hat und unsere Gäste mit guten Eindrücken zurückkehren konnten. Sie konnten sich davon überzeugen, dass Deutschland heute ein anderes Land geworden ist und dass die Deutschen keine „immer aggressiven und bösen Menschen sind, die gar nicht lachen können“ – wie es die 1943 geborene Ljubov in ihrer sowjetischen Schulzeit erzählt bekommen hat.

Ein paar Stunden später erfahren wir, dass alle gesund in Kiew angekommen sind. Nun stehen ihnen noch lange Heimwege bevor, aber sie sind in ihrer Heimat, gesund.

 

Beim Abschied hofften wir, dass wir uns wiedersehen, ahnten aber nicht, dass das schon im Jahr darauf der Fall sein würde. Glücklicherweise passten wir mit unserer Idee in ein EU-Programm und erhielten die nötige finanzielle Unterstützung, um zu allen Frauen, die uns geantwortet hatten, in die Ukraine zu reisen und in einer Wanderausstellung zu dokumentieren, was wir in der Begegnung mit unseren Zeitzeuginnen sammeln können: 10 ukrainische Lebensgeschichten ehemaliger Zwangsarbeiterinnen im Rheinland
in Interviews und Bildern.