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Zu sehen sind die beiden Zeitzeugen bei der Eröffnung in Essen. Zeitzeugin Jelisaweta G. steht vor der Aus-stellungstafel mit ihrer Geschichte.

Besuch in Essen

Eine dritte Einladung erfolgte durch den Kulturverein beim Landgericht Essen anlässlich der dortigen Eröffnung der Ausstellung „Riss durchs Leben“ Anfang September 2009. Reisefähig war wiederum Jelisaweta G., dazu kam der als Junge zur Zwangsarbeit u.a. in Essen eingesetzte Dmytro G. aus Chmelnyzkyj.

Beide berichteten vor über 100 geladenen Gästen über ihre Erfahrungen der Deportation als junge Menschen, über die schwere Arbeit, den ständigen Hunger, die entwürdigenden Lebens- und Arbeitsbedingungen. Jelisaweta G. erzählte vor einem atemlos zuhörenden Publikum von der Geburt, dem Verlust und der Rückgabe ihrer Tochter Olga in Zeiten des Krieges in Wuppertal. Dmytro G., bei der Deportation ein 15jähriger Junge, berichtete von seinen zahllosen Fluchten, mit denen er seinen quälenden Arbeitsverhältnissen zu entgehen suchte und doch nie entkam. Von Menschen in NS-Deutschland, die ihn schlugen und solchen, die ihm das Leben retteten.

Bei der Eröffnung hören eine Geschichtslehrerin und ein Deutschlehrer des Johannes-Rau-Gymnasiums in Wuppertal mit mehreren Schülerinnen und Schülern aufmerksam zu. Sie überlegen, ob sie sich das Thema „Zwangsarbeit“ als freiwilliges Projekt vornehmen mit dem Ziel, im nächsten Jahr in die Ukraine zu fahren und dort mit ukrainischen Altersgenossen das Thema bi-national auszuloten. Erste Gespräche finden noch während der Eröffnung statt. Mehrere Schulen in Essen interessieren sich für eine spätere Übernahme der Ausstellung.

Für die Zeitzeugen aus der Ukraine folgten einige Tage in Essen voller Begegnungen: mit dem Bürgermeister der Stadt Essen, Rolf Fliß, mit Schülern, mit angehenden Juristen. Dmytro G., zum ersten Mal nach 1945 in Deutschland, lächelt unentwegt und freut sich, dass er Deutschland noch einmal wiedersieht und nun ganz andere Erinnerungen mit nach Hause nehmen kann.

Zurück in Chmelnyzkyj wird Dmytro G. von einer Schülergruppe der Schule No. 10 in Chmelnyzkyj angesprochen, die sich auf ein Begegnungsprojekt mit einer Wuppertaler Schülergruppe vorbereitet. Die Jugendlichen interviewen ihn und sind tief beeindruckt von der Begegnung mit ihm und allem, was er ihnen erzählt. Als die Wuppertaler Schülerinnen und Schüler ein halbes Jahr später in Chmelnyzkyj zum Projekt eintreffen, ist Dmytro G. verstorben. Eine Schülerin aus Chmelnyzkyj erzählt beim Treffen mit den Wuppertalern in bewegenden Worten von „Dymtro, dem ewigen Flüchtling“. Niemand hätte erwartet, dass er so plötzlich verstirbt. „Er hat noch mit uns sprechen wollen, so lange hat er all seine Kraft zusammen genommen“, sagen die Projektteilnehmer aus der Ukraine. „Dafür hat er gelebt, seine Botschaft noch an uns weiterzugeben.“